Auszeitreise

- Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!

 

Die erste Schleuse, die erste Nacht, Essen unter freiem Himmel. Kaum konnte ich es fassen. Ich bin aufgebrochen zu einem Törn, an deren Realisierung selbst ich bis zum Schluss zweifelte. Ich bin aufgebrochen mit einer kleinen LIS-Jolle auf dem Weg Rund Mecklenburg Vorpommern, dem Weg zurück zu den Wurzeln, zu mir selbst.

4 Monate habe ich mir Zeit genommen für den etwa 1500km langen Rundkurs durch meine Heimat. So setzte ich die Segel im Schweriner See, der mir durch den jahrelangen Regattasport bekannt war wie meine Westentasche. Mit gelegtem Mast und unter Motorkraft begab ich mich durch die im Anfang Mai noch menschenleeren Wasserstraßen, Kanäle, Schleusen und Häfen auf eintönige, Kilometer voller Vorfreude, aber auch Zweifel auf die bevorstehende Zeit.  Umstände wie nächtliche Temperaturen unter dem Gefrierpunkt ließen leise Fragen nach dem „Warum“ laut werden. 

Mit dem Aufstellen des Mastes und Blick in die weite See in Travemünde erholte sich jedoch die Stimmung schnell. 3-4 Beauforts westlicher Winde waren für den nächsten Tag angesetzt, welcher mich mit achterlichen Winden ein weites Stück tragen sollte. Um mich bei heranziehendem Unwetter, zunehmenden Winden und aufbauender Welle nicht allzu weit vom Ufer zu entfernen, Stand eine Halse an. Zu Stolz für eine Q-Wende wartete ich eine ruhige Phase der Gleitfahrt ab, drehte das Heck durch den Wind und versuchte vergeblich das Boot auf Stabilität zu halten. Verärgert über dieses arrogante Manöver, bei dem ich Pütz, Schwamm und Wasserkanister der See überlassen musste, barg ich im Schutze der Wohlenberger Wiek die Fock. Einsetzender Regen und Flaute ließen mir die letzten Seemeilen bis Rerik wie eine Ewigkeit vorkommen. Die Wettervorhersage kündigte Wind in den nächsten Tagen an, sodass ich dort über Christi Himmelfahrt einige Hafentage einlegte. In der folgenden „schön Wetter - Periode“  peilte ich Darßer Ort an.

Nach Stopp in Warnemünde und einer folgenden unruhigen Nacht in der Dünung vor Ahrenshoop, nach welcher ich mit Seekrankheit zu kämpfen hatte und in Folge dessen ich nicht gegessen habe, reffte ich das Großsegel und ging die Rundung des Kaps bei östlichen 4-5 Beaufort an. Kaum die schützende Landabdeckung verlassen, rollte eine kurze, spitze, etwa 2m hohe Welle an, welche der Untiefe verschuldet war. So war es mir unmöglich Darßer Ort zu umkreuzen. Mit letztem Mut wendete ich das Boot zurück in den Schutz. Wäre ich hier gekentert, wäre wohl nicht nur die Reise zu Ende gewesen. Vor Anker brach ich kraftlos auf den geborgenen Segeln zusammen und fasste erst spät klaren Verstand, zwang mich etwas zu Essen und überlegte, wie ich den nord-drehenden Winden weichen konnte. 2 Tage zurück nach Rostock? Oder doch irgendwie das Unmögliche möglich machen? Dazu mein Logbucheintrag: „Ich entschied mich für den Ritt durch die Hölle.“

Segel und sonstiges Hab und Gut sicher in der Kajüte verstaut, mich selbst in Neopren und Schwimmwest  eingepackt ging es mit dem Benzinkanister zwischen den Beinen mittig im Boot sitzend mit 4 Pferdestärken durch das immer noch kappelige Wasser. Die Ungläubig guckenden, sonst so seefesten Fischer im gesperrten Nothafen von Darßer Ort bestätigten mir meine kritische Situation. Eine Erfahrung, die ich meinem Feind nicht wünschen möchte.

Route: 1500km in 4 Monaten rund McPomm

 Die steifen bis stürmischen Winde wetterte ich bei einer erholsamen Woche in mitten des Naturschutz- gebietes und Urlaubshochburg Darß ab. Der Juni zog ins Land, mit ihm eine stabilere Wetterlage, welche mir solche Situationen in Zukunft zum Glück vorenthielt. 

Es folgten Segeltage wie aus dem Bilderbuch. Herrlich gleichmäßiger Wind wehte mich durch die im Sonnenlicht schillernde Ostsee in die entlegensten Bodden von Darß, Fischland, Zingst, Hiddensee und Rügen. Schnell kommt man im regen Treiben von bunten Städten in Kontakt mit Land und Leuten.  Nicht zuletzt bedingt durch den vielerorts ungewohnten Auftritt als zumeist kleinstes Boot im Hafen und einer unfreiwillig freizügigen Lebensweise.  Immer wiederkehrende Fragen beantwortete ich inzwischen wie vom Tonband. Auch meine Geschichte über diese Reise erzählte ich gewiss nicht nur einmal. Ich erfreute mich am Interesse und an der Vermittlung von Abenteuerlust. Es gehörte genauso zum Törn, wie Fertigessen und Bier aus der Dose.

Mein grob gesteckter Zeitplan zog mich weiter  über Hiddensee, Rund Kap Arkona, Greifswalder Bodden in den Peenestrom in Richtung Oder. Von hier aus ging es mal wieder mit gelegtem Mast unter Motorkraft mit Eckpunkten wie z.B. dem Oder-Havel-Kanal mit dem 36m hohen Schiffshebewerk Niederfinow, dem traumhaften Werbellinsee und erster Zivilisation in Zehdenick weiter in die weit verzweigte Mecklenburgische Seenplatte, die es zu erkunden galt. Die vielfältige Flora und Fauna ließen die unzähligen Flusskilometer nur so dahinschmelzen wie das Eis, welches es an einer der vielen, auf die Chartertouristik ausgelegten, Rastmöglichkeiten zu erwerben gab. Diese ließen mit dem nötigen Kleingeld keinen Wunsch offen und Verdrängten sogar Kühlungsborn und Sassnitz beim Thema Liegegebühren von Platz eins und zwei.

Es wurde Zeit mit „Klar Schiff“ machen, lüften und Ordnung in die eingelebte Koje zu bringen. Mit Erstaunen stellten Stegnachbarn und auch ich gleichermaßen fest, was alles in so ein kleines Boot passte und was sich über die letzten 3 Monate alles angesammelt hatte. Den Grund für meine Reinlichkeit hatten interessierte Schaulustige längst erkannt: Mit dem Luftdruck-Hoch kündigte sich auch meine Freundin für ihren 2 Wochen Sommerurlaub an. Wie hatte ich diese Zweisamkeit doch vermisst. Eindrücke und Erfahrungen konnten geteilt werden, längst zum Alltag gewordene Impressionen wurden neu entdeckt.  Abend für Abend schlugen wir unser Quartier in einer anderen einsamen Buch, lauschigen Lichtung oder einem anderen verträumten Plätzchen auf und genossen ein Leben wie Robinson.  

Die Koje noch warm wechselte meine Crew. Die Fockschot übergab meine Freundin in die Hände meines Kumpels Kai, der mich auf der landläufig gefürchteten Müritz unterstützen sollte. Zwar ärgerten wir uns, das Trapez nicht aufgebaut zu haben, querten jedoch nass und zufrieden den Kölpinsee, Jabelschen See, Fleesensee und den Plauer See.

Wieder allein, begab ich mich wehmütig über die Müritz-Elde-Wasserstraße auf das letzte Teilstück meiner Reise. Im Störkanal kreuzten sich meine Wege, wo Anfang Mai meine Auszeitreise begann. Ein sehr emotionaler Moment zwischen der Freude es bald geschafft zu haben und der Realisierung, dass ein Lebensabschnitt, von dem man lange Zeit geträumt hatte, bald zu Ende sein wird. Ein letzter Sonnenuntergang, eine letzte Mahlzeit, ein letztes Mal unter Segel. Mit gesetzter Nationalflagge, Polnischer Gastlandflagge und Stander aus Vereinen meiner Route, wurde ich bei meiner Ankunft im Heimathafen mit Jubel und Banner herzlich in Empfang genommen.  Ich habe es geschafft, mehr als 1500km, 4 Monate rund Mecklenburg Vorpommern mit einfachen Mitteln auf einer kleinen Jolle. Zu keiner Zeit bereue ich die Entscheidung, diesen Sommer für meinen Traum investiert zu haben. Von den Erlebnissen werde ich noch lange Zeit zehren und sie als Quelle für neue Motivationen nutzen.  In diesem Sinne:

 

Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.